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Anmerkungen II

auch einmal gedacht. Wer erkennt darin nicht die phänomenologische Destruktion der Philosophie zur Seinsgeschichte (vgl. »Sein und Zeit«), wer sieht nicht die Übertragung auf die neutestamentliche Theologie? Ich rechne hier Rudolf Buhmann keine Abhängigkeit vor. Das wäre nicht nur unfreundlich, sondern töricht und in aller Hinsicht eitel. Aber nötig wäre, daß man sich eines Tages über mein Anti-Christentum wenigstens einmal und nur einen Gedanken macht. Das geschehe nicht, um mein Denken vielleicht noch »christlich« zu dulden. Ich bin nicht Christ, und einzig deshalb, weil ich es nicht sein kann. Ich kann es nicht sein, weil ich, christlich gesprochen, die Gnade nicht habe. Ich werde sie nie haben, solange meinem Weg das Denken zugemutet bleibt. Das Denken selbst ist die Kluft zum Glauben. Die Kluft ist nicht erst zwischen Denken und Glauben, irgendwo im Unbestimmten. Es mag »christliche Philosophie« geben, wobei zu fragen bliebe, wieweit solche Philosophie denkt. Vermutlich nur so weit, als sie glaubt; d. h. sie denkt nur zum Schein. Aber es gibt kein christliches Denken, das ein Denken wäre.

Neuerdings taucht Rudolf Buhmann als Mitarbeiter der »VVandlung« auf, von der ich freilich nur das erste Heft41 kenne. Da man sich dort für die »geistige Situation« interessiert, mag zu deren Beleuchtung nur festgestellt sein: über die »Geworfenheit«, in der wesensgeschichtlich die phänomenologische Destruktion ihre Notwendigkeit hat, konnte Jaspers, als er 1926 in den Druckbogen von »Sein und Zeit« darüber las, nur die Nase rümpfen und die Sache samt dem Wort vor allem — ablehnen. Aber der Mensch kann sich »wandeln«; auch der »Philosoph« — er kann, wenn auch nicht christlich-theologisch, doch christlich-sentimental werden und aus dem »Scheitern«, das vom Verzicht auf das unbekannte Denken lebt, eine Religion machen. Das ist alles in der Ordnung bei der heutigen Zerrüttung der Atmosphäre des Denkens, aus welcher Zerrüttung der »Nationalsozialismus« sehr


41 [Die Wandlung (November 1945), Heft 1. In dem Heft vgl. das Geleitwort von Karl Jaspers (S. 3-6). Vgl. auch den Brief von Jaspers an Heidegger vom März 1948 in: Heidegger / Jaspers: Briefwechsel 1920-1963. A.a.O., S. 168.]


Martin Heidegger (GA 97) Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte) (1942-48)

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