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Anmerkungen II

Glauben und Denken. — Die Kluft besteht nicht als das Zwischen, was beide nur trennt und so, als bestünde die Kluft für sich. Die Kluft zum Glauben ist das Denken selber, gesetzt, daß es ein Denken ist und nicht nur der Umtrieb in allgemeinen Vorstellungen von dem, was man meint.

Der Glaube ist, christlich verstanden, das uneingeschränkte Vertrauen zum Anspruch Gottes, der als Vater durch Jesus als seinem geschickten Sohn spricht und so der Erlöser ist aus der Sünde. Glauben ist das Stehen in der Gnade der Sohnschaft Gottes. Der Glaube kennt nichts anderes als nur die Erlösung aus der Sünde. Der Glaube ist zwar ein Wissen, aber niemals ein Denken. Zwischen Glauben und Wissen besteht keine Kluft. Die Kluft zwischen Glauben und Denken aber kann auch nie durch den Glauben bestehen, denn diesen geht nur das Heil der Seele an, aber nie das Seiende als solches in seinem Sein. Das Denken ist für den Glauben eine Torheit. Der Glaube — es gibt nur den christlichen Glauben — kümmert sich nicht um das Denken und d. h. er achtet nicht das Zu-Denkende als solches. Mit dem Denken ist ihm auch schon die Trennung von ihm etwas Gleichgültiges. Der Glaube kann weder die Kluft zum Denken »sein«, noch kann er sich um sie kümmern. Nur die Theologen, | d. h. die eigentlichen Ungläubigen, veranstalten ein Gerede über Glauben und Wissen. Sie möchten dem Glauben durch »Wissenschaft« aufhelfen oder ihn wenigstens kulturfähig machen. Sie erfinden an Stelle der Kluft, die sie nie sehen, einen künstlich und beinahe voll aufgefüllten Graben (aufgefüllt durch ihr Vermittlungsgeschäft). Über diesen Graben sollen sich die Heiden hinüberschwindeln lassen zum Glauben.

Über diesen Graben kann man nie springen; ein Sprung ist nur möglich, wo die Kluft ist. Inzwischen ist die Verwirrung so groß geworden, daß auch die Philosophie beginnt, zu »glauben«.


Christentum und Christlichkeit. — Christentum ist Metaphysik, die den christlichen Glauben als Wissen ausgibt.

Christlichkeit ist der Glaube an Christus in Christus.


Martin Heidegger (GA 97) Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte) (1942-48)

GA 97