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Anmerkungen III

ein Bleiben, nämlich dort, wo das Wesen des Menschen schon ge-wesen ist, ohne dieses ge-wesen übernommen zu haben und ehedem übernehmen zu können. Die Schritte irgendwohin fort scheinen dem Menschen leichter zu fallen als das Bleiben und gar das Bleiben im Ge-wesen, das indessen nicht aufhört zu wesen, obzwar es in die Vergessenheit sank. Der Mensch scheint durch den Fortschritt verwöhnt zu sein, so daß ihm der Rückschritt daraus verpönt ist, trotz der vielen Zeichen, die seine Fortgeschrittenheit in einem seltsamen Licht zeigen.


Fast scheint es, als sei an Gedanken nicht viele, deren Denkender nicht gehaßt wird. Die Arten der Verfolgung, die sich im Gefolge eines Hasses einnisten, sind vielfältig und undurchsichtig. Doch ein Hauptkennzeichen zeigen die Umtriebe des Hasses alle: sie werfen den Prachtmantel der Moralität um. Er dient dazu, das Schlimmste an Haß einigermaßen zu verdecken: seine völlige Abhängigkeit vom Gehaßten. An diesen Ketten zerrt der Hassende vergeblich, weil er sie ständig in seinen Ränken und Vorkehrungen neu schmiedet und weil der Haß etwas Wahres zu sehen, aber nur gehässig und so verdorben zu sehen gibt. Dieses Wahre fasziniert die Hasser und treibt sie in eine Tollheit, die jeden Irrsinn übertrifft.


Fragen ist nicht immer leichter als Antworten. Doch am schwersten fällt uns, vor allem Frage-Antwort-Spiel auf den Rat zu hören, der unserem Wesen schon geraten ist, obzwar wir ihn nicht erraten. Das ist der Rat des Ratsals.


Wenn wir einmal in einer Nähe sind, kann wohl der Gott, der ist, wenigstens erst uns fern sein. Vordem bleibt das Sein Gottes nur noch ein leerer Name. Das Verhältnis zu ihm wird ein Gegenstand der Psychotherapie. Gott wird zum Erlebnis. Die Religiösität erreicht so den Gipfel des Atheismus.


Martin Heidegger (GA 97) Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte) (1942-48)

GA 97