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Anmerkungen V

»Zeit« das im echten Sinne Vor-Zeitige und d. h. in der Sprache der Metaphysik das Über-Zeitige: wesender als »die Ewigkeit«, die als nunc stans auch noch aus der gewöhnlichen »Zeit«, dem »Jetzt« und dem ständigen Anwesen, dem ungedachten »Sein« vorgestellt wird. Ob einige dies alles einmal wirklich erfahren und erkennen, wie töricht und oberflächlich das Geschwätz und Gemeine ist, das meint, weil von »Zeitlichkeit« die Rede sei, werde alles dem Zufälligen und Unverbindlichen und Vergänglichen und so dem »Nichts« ausgeliefert. Ob die Anwälte des »Ewigen« einmal einsehen, daß sie noch nicht einmal in die Dimension ihres Vorstellens vorgedrungen sind?


Das Nichts. -Diejenigen, die immer noch und immer wieder gegen das Nichts eifern, verraten nur, wie gänzlich sie dem nichtigen Nichts des bloßen Nihilismus zum Opfer gefallen sind und seine Trabanten bleiben. Was ahnen diese blinden Eiferer je von dem Nichts, das die wenigen der ersten Denker gedacht haben, worein alles Wesende des Seyns gestellt bleibt. Doch wen diese Stille nie angeweht, wird sie nie fassen.


Man hat nicht nur meine, sondern gute Arbeiten meiner Schüler über die griechische Philosophie, Plotin, Meister Eckhart, Leibniz, Kant, Hegel, Nietzsche - wütend verketzert und als einseitig gebrandmarkt und sie nachher kräftig und vielseitig ausgenutzt und dann verschwiegen.


Je mehr es mit der Philosophie an ihr Ende geht, um so näher rückt sie ihrem Anfang. Zu ihm gelangt das Denken freilich nur über einen Ab-Grund, da es selber nichts gründet, sondern nur einkehrt in die ereignete Kehre.


Es sieht so aus, als müßte mein Denken nun auch noch durch das »Philosophieren« von Jaspers und die Schriftstellerei von Sartre in allen erdenklichen Weisen kompromittiert werden. Aber schließlich - bleibt zu fragen: kompromittiert vor wem? Vor der


Martin Heidegger (GA 97) Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte) (1942-48)

GA 97