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losen Gleichheit mit sich selbst zurückgeht«1. So ist das Ich »Allgemeinheit« aber ebenso unmittelbar »Einzelnheit«.

Dieses Negieren der Negation ist in einem das »absolut Unruhige« des Geistes und seine Selbstoffenbarung, die zu seinem Wesen gehört. Das »Fortschreiten« des in der Geschichte sich verwirklichenden Geistes trägt »ein Prinzip der Ausschließung«2 in sich. Diese wird jedoch nicht zu einer Ablösung vom Ausgeschlossenen, sondern zu seiner Überwindung. Das überwindende und zugleich ertragende Sichfreimachen charakterisiert die Freiheit des Geistes. Der »Fortschritt« bedeutet daher nie ein nur quantitatives Mehr, sondern ist wesentlich qualitativ und zwar von der Qualität des Geistes. Das »Fortschreiten« ist gewußtes und in seinem Ziel sich wissendes. In jedem Schritt seines »Fortschritts« hat der Geist »sich selbst« als das wahrhaft feindselige Hindernis seines Zweckes zu überwinden3. Das Ziel der Entwicklung des Geistes ist, »seinen eigenen Begriff zu erreichen«4. Die Entwicklung selbst ist »ein harter, unendlicher Kampf gegen sich selbst«5.

Weil die Unruhe der Entwicklung des sich zu seinem Begriff bringenden Geistes die Negation der Negation ist, bleibt es ihm, sich verwirklichend, gemäß, »in die Zeit« als die unmittelbare Negation der Negation zu fallen. Denn »die Zeit ist der Begriff selbst, der da ist, und als leere Anschauung sich dem Bewußtsein vorstellt; deswegen erscheint der Geist notwendig in der Zeit, und er erscheint so lange in der Zeit, als er nicht seinen reinen Begriff erfaßt, das heißt nicht die Zeit tilgt. Sie ist das äußere angeschaute vom Selbst nicht erfaßte reine Selbst, der nur angeschaute Begriff«6. So erscheint der Geist notwendig seinem Wesen nach in der Zeit. »Die Weltgeschichte ist also überhaupt die Auslegung des Geistes in der Zeit, wie sich im Raum die Idee als Natur auslegt«7. Das zur Bewegung der Entwicklung gehörige »Ausschließen« birgt eine Beziehung auf das Nichtsein in sich. Das ist die Zeit, verstanden aus dem sich aufspreizenden Jetzt.

Die Zeit ist die »abstrakte« Negativität. Als »angeschautes Werden« ist sie das unmittelbar vorfindliche, unterschiedene Sichunterscheiden,



1 a. a. O.

2 Vgl. Hegel, Die Vernunft in der Geschichte. Einleitung in die Philosophie der Weltgeschichte. Hrsg. von G. Lasson 1917, S. 130.

3 a. a. O. S. 132.

4 a. a. O.

5 a. a. O.

6 Vgl. Phänomenologie des Geistes. WW. II, S. 604.

7 Vgl. Die Vernunft in der Geschichte a. a. O. S. 134.


Martin Heidegger - Sein Und Zeit