§ 44. Dasein, Erschlossenheit und Wahrheit
Die Philosophie hat von altersher Wahrheit mit Sein zusammengestellta. Die erste Entdeckung des Seins des Seienden durch Parmenides »identifiziert« das Sein mit dem vernehmenden Verstehen von Sein: τὸ γὰρ αὐτό νοεῖν ἔστιν τε καὶ εἶναι.1 Aristoteles betont in seinem Aufriß der Entdeckungsgeschichte [213] der ἀρχαί2, die Philosophen vor ihm seien, durch »die Sachen selbst« geführt, zum Weiterfragen gezwungen worden: αὐτὸ τὸ πράγμα ὡδοποίησεν αὐτοῖς καὶ συνηνάγκασε ζητεῖν.3 Dieselbe Tatsache kennzeichnet er auch durch die Worte: ἀναγκαζόμενος δ' ἀκολουθεῖν τοῖς φαινομένοις4, er (Parmenides) war gezwungen, dem zu folgen, was sich an ihm selbst zeigte. An anderer Stelle wird gesagt: υπ' αυτής τῆς ἀληθείας άναγκαζόμενοι5, von der »Wahrheit« selbst gezwungen, forschten sie. Aristoteles bezeichnet dieses Forschen als φιλοσοφεῖν περί τής άληθείας6, »philosophieren« über die »Wahrheit«, oder auch άποφαίνεσθαι περί τής άληθείας7, aufweisendes Sehenlassen mit Rücksicht auf und im Umkreis der »Wahrheit«. Philosophie selbst wird bestimmt als έπιστήμη τις τῆς ἀληθείας8, Wissenschaft von der »Wahrheit«. Zugleich aber ist sie charakterisiert als eine ἐπιστήμη, ἣ θεωρεῖ τὸ ὂν ᾗ ὄν9, als Wissenschaft, die das Seiende betrachtet als Seiendes, das heißt hinsichtlich seines Seins.
Was bedeutet hier »forschen über die ,Wahrheit'«, Wissenschaft von der »Wahrheit«? Wird in diesem Forschen die »Wahrheit« zum Thema gemacht im Sinne einer Erkenntnisoder Urteilstheorie? Offenbar nicht, denn »Wahrheit« bedeutet dasselbe wie »Sache«, »Sichselbstzeigendes«. Was bedeutet
1 Diels, Fragm. 3. 2 Met. A.
3 a. a. O. 984 a 18 sq. 4 a. a. O. 986 b 31.
5 a. a. O. 984 b 10. 6 a. a. O. 983 b 2, vgl. 988 a 20.
7 a. a. O. a 1, 993 b 17. 8 a. a. O. 993 b 20.
9 a. a. O. Γ 1, 1003 a 21.
a φύσις in sich schon ἀλήθεια, weil κρύπτεσθαι φιλεῖ.