162
Der Anfang des abendländischen Denkens

Verschwindens. Das Augenblickhafte des Entflammens lichtet zumal den Bereich alles Weisens und Zeigens, aber auch in einem damit den des Weiselosen und Steuerlosen und schlechthin Undurchsichtigen. Dieses flammend scheidende und so Licht und Dunkel gerade erst zueinander tragende und zusammenschließende Wesen ist das auszeichnende Wesen des Feuers, das keine Chemie jemals zu fassen vermag, weil sie dieses Wesen zuvor zerstören muß, um dann ihr Faßbares zu fassen. Das Grundwesen von πῦρ, sofern es für φύσις steht, beruht keineswegs nur im bloßen Leuchten des Lichten oder gar in einem gleichgültigen Verbreiten einer bloßen Helle; so gedacht bliebe der φύσις-Charakter des Feuers, aber auch der Feuercharakter der φύσις unbegriffen. Das Wesen des Feuers sammelt sich in dem, was wir den ›Blitz‹ nennen, wobei alsbald nötig wird, das Wesen des Blitzes aus dem jetzt genannten Zusammenhang zu denken. Ein Wort des Heraklit hilft uns, wenn wir beachten, daß die φύσις, die entfachende Fügung, als das fügende Entfachen und lichtend entscheidende Verfügen, das Ganze des Seienden angeht. Heraklit sagt im Fragment 64, das wir als das sechste zählen, dieses:


τὰ δὲ πάντα οἰακίζει Κεραυνός.

»Das Seiende im Ganzen aber steuert der Blitz.«


Das Feuer als der Blitz ›steuert‹, überblickt und überscheint im voraus das Ganze und durchfährt vorleuchtend das Ganze dergestalt, daß je in dem, was nur ein Blick des Auges zumal erblickt, jedesmal das Ganze in sein Gefüge sich fügt und facht und scheidet.

(Fachen heißt fangen und fangend sich angehen, d. h. anfangen als das Einfachende und Einfache, das sich als das Lichte entfacht. Deshalb ist auch die φύσις nicht nur dem Wort nach das Selbe wie φάος, das Licht, sondern das reine Aufgehen und das Entfachen in die Flamme des entflammten Feuers (πῦρ) ist das Selbe im Wesen, gesetzt daß wir nicht am Erscheinenden haften bleiben, sofern es nur einen Vorschein gibt, statt das


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit